Die GWPR-Kolumne

Männer, bitte lauter sprechen!

Tarzan oder Ferdinand, der Stier? Während Frauen offen – und gern auch öffentlich – über Männerrollen diskutieren, hüllen sich die so Betrachteten viel zu oft in Schweigen. Besser wäre, sie würden reden, findet Babette Kemper, Mitglied von Global Women in PR Deutschland. Für mehr Diversität. Für Deutschland.


Babette Kemper Geschäftsführerin von achtung! Mary


Männer sind Schweine“, sangen „Die Ärzte“ im letzten Jahrtausend. Und heute? Ein Zeit-Artikel über Sexismus in der Agenturwelt entfachte jüngst eine laute Diskussion über Machtmissbrauch, Machotum, Rollenklischees und Karriereblockaden. Große Themen wurden in den sozialen Kanälen bunt gemixt, wenig Faktisches mit viel Meinung versehen. Ungefiltert, wütend.

Ich frage mich, warum wir so wenige Männerstimmen hören in dieser Diskussion. Lassen wir Sexismus mal beiseite und schauen auf die Vorwürfe zu Karriere, Diversity, Gleichberechtigung. Wo sind die tollen Kerle, denen ich im Lauf meiner Karriere so oft begegnet bin? Männer in Führungspositionen, die Frauen Mut machen, Talente erkennen und fördern. Männer, denen es gelungen ist, jenseits von Rollenklischees ihr privates und berufliches Glück zu finden – auch strukturell. Wo sind die modernen Working Dads? Warum sind all diese Männer nicht lauter und inspirieren das Handeln anderer, damit wir Diversity wirklich leben können?

Meine Vermutung ist, dass Männern Mittel und Orientierungspunkte fehlen. Uns Frauen wird zugehört, weil wir uns zeitgemäße Plattformen erschaffen haben. Wir nutzen unsere Netzwerke, um Erfahrungen mit Gleichgesinnten zu diskutieren und uns gegenseitig zu bestärken. Auch deswegen haben wir inzwischen viele großartige – und sichtbare – Vorbilder. Sie geben uns Rückendeckung.

Dabei geht es längst nicht mehr um „Zicke, Emanze oder Rabenmutter“. Wir Frauen haben in der Gesellschaft eine moderne Rolle eingenommen – und wir debattieren viel mehr darüber, wie wir weitere strukturelle Unterstützung durchsetzen, um wirklich Vielfalt und Gleichstellung in Deutschland leben zu können.

Bei den Männern hängen wir da aus meiner Sicht sehr hinterher, sowohl strukturell als auch hinsichtlich der Neudefinition eines modernen Männerbilds. Ein Gespräch, das ich in ähnlicher Form häufiger geführt habe, geht mir nicht aus dem Kopf. Auf einer Veranstaltung will eine Frau von mir wissen, wie ich es geschafft habe, mit drei Kindern Karriere zu machen. Sie selbst erhalte dafür leider nicht genügend Unterstützung und als Mutter in ihrer Firma praktisch keine Aufstiegschancen.

Auf meine Frage, ob sie das denn mal zu Hause besprochen habe, um gemeinsam mit ihrem Mann zu überlegen, wie viele Stunden er phasenweise reduzieren oder von zu Hause arbeiten könnte, war die Reaktion: „Was, mein Mann soll sich beruflich einschränken? Das fände ich komisch, selbst wenn wir gleich viel verdienen. Ich will doch keinen Waschlappen zu Hause haben.“

Puh! Ist das tatsächlich die verbreitete Wahrnehmung? Wo steht der Mann? Als Mann, als Arbeitnehmer, als Führungskraft, als Working Dad? Wir schaffen Diversity nur dann nachhaltig, wenn wir uns gemeinsam bewegen. Es gibt halt Lebensphasen, in denen Vollzeit bei beiden Elternteilen kein passendes Modell ist. Neben Karrieren in Teilzeit, die die Arbeitgeber ermöglichen müssen, müssen wir auch zu Hause gestalten und sprechen – und Rollenklischees hinter uns lassen.

Wir haben die „Zicke“ selbstbewusst überwunden. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Männer Unterstützung erhalten, damit sie nicht als Waschlappen wahrgenommen werden. Nicht nur hinsichtlich der Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“ – sondern zugleich auch strukturell. Wie sieht es aus mit Gleichberechtigung beim Elterngeld, Elternzeit und Teilzeitmodellen für Männer?

Mein Mann und ich haben als Eltern von drei Kindern schon vor 17 Jahren begonnen, unsere Arbeitsmodelle gemeinsam zu planen und mit unseren Arbeitgebern zu besprechen. Wir haben immer situativ angepasst: Er VZ, ich TZ. Ich VZ, er TZ. Beide TZ (beste Familienzeit ever) – nun beide Vollzeit. Ob er ein Waschlappen war – und ich zickig oder eine Rabenmutter? Diese Sicht von außen hat uns schlicht nicht interessiert. Für uns ist und war das immer selbstverständlich.

Zurück zur Eingangsfrage: Was wird eigentlich vom Mann erwartet? Wollen wir wirklich, dass Ihr draußen Ferdinand, der sanftmütige Stier, und zu Hause Tarzan, der stimmgewaltige Superheld, seid? Natürlich nicht! Männer, unterstützt Euch dabei, wer Ihr sein wollt. Tauscht Euch aus. Gründet neue, moderne Netzwerke. Oder wir gründen am besten gemeinsame Netzwerke. Entwickelt ein Bild, das Euren Bedürfnissen entspricht. Wir brauchen da schnelle Veränderungen. Die brauchen wir für Deutschland. Schaut mal nach Schweden nachmittags auf einen Spielplatz.

Lasst uns doch (wirklich) gleichberechtigt und happy Tarzan, Jane, Ferdinand oder Johanna von Orléans sein – je nach Bedarf. Und lasst uns die Schweine unter uns, egal ob Eber oder Sau, gemeinsam grillen. (Manche) Frauen sind nämlich auch Schweine. Sie wurden nur noch nicht besungen. Sexismus, Machotum, Rollenklischees und Karriereblockaden gehen auch von ihnen aus – das kann ich nach 20 Jahren in unserer Branche sagen. Sie machen es bloß anders. Aber das ist noch mal ein ganz anderes Thema ...

Lesen Sie hier eine Replik auf den Kommentar von Babette Kemper von Thomas Lüdeke, Geschäftsführer der PRCC Personalberatung (zuerst erschienen in der prmagazin-Ausgabe 11/2020).

In dieser prmagazin-Kolumne schreiben die Mitglieder des Vereins Global Women in PR (GWPR) Deutschland jeden Monat über Themen, die sie bewegen.

Der Beitrag von Babette Kemper ist zuerst in der Oktober-Ausgabe 2020 erschienen. Im Juli-Heft 2020 schrieb Gabriele Kaminski, im August Susanne Arnold, im September Monika Schaller, im November Cornelia Kunze, und in der Dezember-Ausgabe erscheint ein Kommentar von Edith Stier-Thompson. Alle Kolumnen werden wir in den kommenden Monaten sukzessive online stellen.

Die prmagazin-Ausgabe 10/2020 – darin unter anderem:

Die Neue:
Kristin Breuer kam mitten in der Covid-19-Pandemie zum Pharmaverband vfa. Ein Sprung ins ganz eiskalte Wasser war es trotzdem nicht.

Historische Nullleistung: Im Pressestellentest der Streaming-Dienste zeigt sich Disney von seiner schlechtesten Seite. Es gibt aber auch echte Lichtblicke.

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