Detailinformationen

Autor

Roland Tichy

Kolumnist

im Heft

11/2016

Klare Kante

In die Talkshows!

Ceta und TTIP sind nicht zu retten. Schuld daran ist die Trägheit der deutschen Eliten in Politik und Wirtschaft. Den Ton geben längst die NGOs an. Schon gemerkt, liebe Wirtschaftsbosse: Es geht um Eure Existenzgrundlage! Der Kampf um Glaubwürdigkeit lässt sich nicht an PR-Profis delegieren.

Am Hähnchen haben sich schon Männer die Zähne ausgebissen, deren Namen wir heute im Geschichtsbuch lesen. Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, John F. Kennedy – Männer, die weder Sowjets noch Nazis noch den Mann im Mond fürchteten, scheiterten an der Frage, ob tiefgekühlte Hühner ohne Zollschranken den Atlantik überqueren dürfen. Seither nehmen die Konflikte zu. Europas Autos müssen wegen Italiens verwinkelter Gassen die Außenspiegel einklappen können – was im Land der Prärie unnötig ist. Rohmilchkäse gilt dort als so gefährlich wie hier hormonbehandelter Schinken.

Irgendwie haben die Deutschen vor lauter Liebe zu sauren Äpfeln aus der Region vergessen, dass sie der größten Handelsnation der Welt angehören und dass die Öffnung des US-Markts nach 1945 es den Käfern erst ermöglichte, in die Welt hinauszukrabbeln. Die USA haben Autos aus Detroit durch solche aus Wolfsburg, Rüsselsheim und Stuttgart aber nicht aus Menschenfreundlichkeit ersetzt, sondern weil sie den Deutschen im Kampf gegen den Sowjetblock wieder auf die Räder helfen wollten. Werden die Amerikaner ekelhaft in Sachen Freihandel aus Rücksicht auf arbeitslose Amerikaner, kann der deutsche Exportwohlstand schnell zwischen auseinanderdriftenden Kontinentalplatten versinken.

Schiedsgerichte bewahrten die Deutschen und ihre Direktinvestitionen vor Enteignung durch die Kleptokratien in Entwicklungsländern. Heute lehnen die Deutschen das ab – wohl auch weil die deutsche Politik gar nicht mehr versucht, ihre eigene kleptokratische Entwicklung zu tarnen.

Und Auslandsinvestitionen? Sind ja nur die von Konzernen, können also gern verloren gehen, glauben die meist aus öffentlichen Kassen ausgehaltenen Mitglieder der Schnatter-Klasse. Die deutsche Wirtschaft lässt das alles mit sich machen. Ihre Manager, Vorstände und Eigner glauben, durch ein paar Parteispenden Merkel und ihre Minister schon auf Kurs zu kriegen. Lange hat ja Gabriel auch Wirtschaftskurs gehalten. Aber mittlerweile geben in Deutschland NGOs den Ton an, und Wahlen rücken näher, Gabriel ab.

NGOs sind meist nur Geschäftemacher, die emotionale Kampagnen zur Maximierung ihres Spendenaufkommens brauchen. Bei Campact kann man Protest mieten. Die mit Abermillionen ausgestatteten Verbandsfunktionäre der Wirtschaft in den Federbetten des Berliner Hofstaats essen von den goldenen Tellerchen, die ihnen von Mitgliedsbeiträgen immer wieder gefüllt werden. Den Kampf für TTIP haben sie an den Sozi Gabriel delegiert. Als einzige Eigenleistung wurde eine PRAgentur beauftragt, die im Übrigen mehr für den Machterhalt Merkels wirbt als für ihre industriellen Auftraggeber.

Aus deutscher Sicht sind Ceta und TTIP wohl nicht zu retten. Nicht weil die Verhandlungen schwierig sind. Sondern weil die deutschen Eliten in Politik und Wirtschaft zulassen, dass an dem Ast gesägt wird, auf dem sie sitzen. Lieber lassen die ihre Existenzgrundlage sausen als sich einer Talkshow zu stellen. Liebe Wirtschaftsbosse, da müsst ihr schon selbst ran. PR kann helfen, nicht begründen. Glaubwürdigkeit ist nicht im Katalog bestellbar – sie muss erstritten werden.

Kontakt zum Autor: tichy(at)prmagazin.de

Roland Tichy war sieben Jahre lang Chefredakteur der WirtschaftsWoche.
Davor leitete er unter anderem das Berlin-Büro des Handelsblatts, verantwortete das Corporate Issues Management von Daimler-Benz und arbeitete im Planungsstab des Bundeskanzleramts unter Helmut Kohl. Heute ist er Vorstandsvorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung sowie Herausgeber der Xing-News-Formate 
und kommentiert auf seiner Meinung-Website "Tichys Einblick" aktuelle Ereignisse in Politik und Wirtschaft.

Aktuelle Kommentare

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Adding an entry to the guestbook

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.