Detailinformationen

Autor

Roland Tichy

Kolumnist

im Heft

10/2015

Klare Kante

Was liegt da im Milchpulver?

Wie reagieren Medien auf ihre Glaubwürdigkeitskrise? Leser für verblendet erklären, Widersprüche leugnen, Kommentare abschalten – schon stimmt die Welt in der Filterblase wieder. Blöd nur: Es gibt ja dieses Korrektiv namens Internet.

Roland Tichy

Mäusekötel im Milchpulver? Chef hat seine Meinung direkt gesagt? Farbeimer umgefallen und Chemiealarm ausgelöst? Würmer im Weihnachtslachs? Wer für Unternehmen arbeitet oder in der Politik, weiß: Jetzt greift der Krisenkommunikator in die Schublade „Notfallplan“. Transparenz, Schuldeingeständnis, Abläufe überprüfen, Verantwortliche feuern, Besserung geloben. So in etwa.

Eine Branche hat es besonders getroffen: die Medien selbst. Alles „Lügenpresse“, sagt Pegida. Zunächst fiel es den Sachsen auf, die seit DDR-Zeiten TV-Bilder kritisch betrachten, dass da was nicht stimmt: Immer ist die Rede von flüchtenden Frauen und Kindern – aber man sieht nur knackige, junge Männer? Eine Text-Bild-Schere der neuen Art. Die Folge: Nur die Hälfte der Medienkonsumenten glaubt noch, was geschrieben und gefunkt wird. Bemerkenswert: Je höher der Bildungsstand, umso kritischer sehen die von Allensbach Befragten die Medien. Eskalation: Ausgerechnet der Borderliner Akif Pirinçci schleift wegen erkennbar falscher Berichterstattung 30 der angesehensten Medien vor Gericht. Wäre man in PR oder Politik tätig: Krisenstimmung, Notfallplan, Schuldeingeständnis, Besserung.Bei den Medien? Nichts davon.

Die notorisch dummen Zuschauer und Leser begreifen nicht, was ihnen serviert wird, ist der Tenor der meisten Reaktionen aus den Redaktionen. Schuldzuweisungen folgen: Die Filterblase der sozialen Medien sei dafür verantwortlich, dass die darin eingeschlossenen Leichtgläubigen ihrer eigenen Wahrnehmung mehr glauben als der erhabenen Einsichtsfähigkeit der weltbesten Journalisten.Aber ist der Zweifel des Misstrauens erst gesät, krallen sich seine Widerhaken an jeder Meldung fest: Alles Akademiker, die aus Syrien kommen – aber wie passt das zur Meldung der Behörden, dass es zur Hälfte Analphabeten sind? Nicht nur im Fall der Flüchtlinge klaffen Widersprüche. Wieso steigen Strompreise und stinkender Braunkohleverbrauch, wenn laut Jubelmeldungen die Solarenergie superbillig ist und in rauen Mengen produziert wird? Wieso ist es ok, wenn Putin in Syrien Krankenhäuser bombardieren lässt – aber wehe, eine US-Bombe geht daneben? Wie kann es sein, dass die Wirklichkeit so widersprüchlich ist, aber Nachrichten und Kommentare oft so einheitlich schwarz-weiß?

Offenbar haben meine verehrten Kollegen/ innen nicht begriffen: Es gibt Google (diese Datenkrake), jede Behauptung wird von den Lesern sofort gecheckt. Sie tauschen sich aus – über die nicht-kontrollierbaren Kommunikationskanäle im Netz. Da hilft es nichts, wenn man dem Justizminister und seiner chinesischen Methode der Facebook-Kontrolle zujubelt. Die Konsumenten haben sich von den Gatekeepern emanzipiert, die einst Sichtweisen dominierten.Das Beste: Weil die Leser nicht glauben, haben viele Redaktionen die Kommentarfunktionen abgeschaltet. Stellen wir uns vor, VW würde jedem, der nach Dieselgate fragt, Hausverbot erteilen. Medien machen es so. Wer nicht glaubt, ist rechtsradikal, klaro? Leute, in Eurer gedruckten Filterblase: Wir haben ein Problem. Das sind nicht nur Kötel, da sind schon komplette Mäuseköpfe in unserem Milchpulver.

Kontakt zum Autor: tichy(at)prmagazin.de

Roland Tichy war sieben Jahre lang Chefredakteur der WirtschaftsWoche.
Davor leitete er unter anderem das Berlin-Büro des Handelsblatts, verantwortete das Corporate Issues Management von Daimler-Benz und arbeitete im Planungsstab des Bundeskanzleramts unter Helmut Kohl. Heute ist er Vorstandsvorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung sowie Herausgeber der Xing-News-Formate 
und kommentiert auf seiner Meinung-Website "Tichys Einblick" aktuelle Ereignisse in Politik und Wirtschaft.

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