Detailinformationen

Autor

Eckart Reinke

Vorstandsmitglied Deutsches Institut der Aufsichtsräte

verfasst am

04.09.2018

im Heft

09/2018

Schlagworte

Aufsichtsräte, Aufsichtsratskommunikation, Eckart Reinke, Deutsche Institut der Aufsichtsräte

Aufsichtsräte

Der Sündenfall?


Sollten Aufsichtsräte mehr kommunizieren? Dürfen sie das überhaupt? Die Meinungen dazu gehen auseinander.


Jetzt ist es schon so weit, dass nur noch über das „Wie“ nachgedacht wird, nicht mehr über die Sinnhaftigkeit der Aufsichtsratskommunikation, kommentiert Eckart Reinke, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts der Aufsichtsräte.


Mit der Kommunikation des Aufsichtsrats ist es wie mit dem Brexit:
Von außen betrachtet kann kaum jemand wollen, dass der Aufsichtsrat kommuniziert. In der Praxis aber existieren schon direkte Gespräche zwischen Aufsichtsrat und Aktionären. Was vor einigen Jahren noch undenkbar schien, wird immer mehr zur Normalität. Woher kommt diese Fehlentwicklung? Und warum stoppt die keiner?


Eckart Reinke, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts der Aufsichtsräte.


Im Aufsichtsratsumfeld haben sich viele Berater etabliert – Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und sonstige. Möglicherweise wollen sich nun auch PR-Berater eine Scheibe von dem Kuchen abschneiden? Das ist legitim, aber aus der Vogelperspektive sieht das anders aus. Da schwappt eine Welle aus den USA und anderen Ländern herüber, die ein One-Tier-System haben, also ein Bord aus Aufsichtsrat und Vorstand. 

Dass die vermeintlichen Vorreiter in Deutschland diese Regeln in unserem Two-Tier-System anwenden wollen, mag von mangelnder Kenntnis des Systems herrühren: Der Vorstand hat die alleinige Geschäftsführungsbefugnis und damit das alleinige Recht, das Unternehmen nach außen zu vertreten. Das ist eine Binsenweisheit, die manch einer absichtlich oder unabsichtlich vergisst. 

Verboten ist weiterhin die Geschäftsführung durch den Aufsichtsrat, der eben kein gesetzlicher Vertreter des Unternehmens ist. Die Einhaltung dieser Regel ist nicht nur aus Gesetzestreue wichtig. Ein zu dominanter Aufsichtsrat findet heute keine guten Vorstände mehr. Gute Vorstände wollen das Unternehmen in alleiniger Verantwortung führen, so wie es ihr Recht ist, insbesondere in Fragen der Strategie und der Kommunikation.

Die Kernaufgabe des Aufsichtsrats bleibt es, die besten Vorstände zu finden. Wenn er dieser Aufgabe gewissenhaft nachkommt, muss er auch nicht in Strategie und Kommunikation eingreifen, andernfalls hat er zuvor möglicherweise seine Hausaufgaben nicht richtig gemacht, die besten Vorstände zu finden. Der Aufsichtsrat kann zwar kommunizieren, aber nur zu Themen, die ausschließlich in seine Verantwortung fallen. Darüber kann man diskutieren.

Kommt es zur Aufsichtsratskommunikation, darf kein Aktionär von wichtigen Informationen ausgeschlossen werden. Die Fair Disclosure – allen Anteilseignern steht zeitgleich die gleiche Information zu, etwa in Form von Ad hoc-Publizität – muss der Aufsichtsrat weiterhin zwingend beachten. Eine Zwickmühle, angesichts derer Nicht-Kommunikation oft die bessere Lösung sein kann. Grundsätzlich sollte ein Aufsichtsrat ein Kommunikationsbedürfnis mit dem Vorstand absprechen und diesen dann gegebenenfalls auch berichten lassen, wenn der Vorstand sich in seiner Kommunikationshoheit davon überzeugen lässt.

Der rechtliche Rahmen eines Dialogs zwischen Investor und Aufsichtsrat ist derzeit nicht klar definiert. Es gibt inzwischen sogar Kommunikationsregeln für Aufsichtsräte – etwa von dem von mir geschätzten Deutschen Aktieninstitut (DAI) und der Financial Experts Association (FEA), die wirklich kluge Dinge schreiben, und das ist nicht ironisch gemeint. Aber die übergeordnete Frage, ob man Kommunikation nicht dem Vorstand überlassen sollte, wird hier schon nicht mehr hinterfragt.

Prof. Dr. Peter Ruhwedel, Berater für Aufsichtsräte, schreibt richtigerweise: In Angelegenheiten, die in der Kompetenz des Vorstands liegen – wie etwa Strategiefragen –,  sollte sich der Aufsichtsrat seiner Rolle entsprechend auf die Position des Zuhörenden zurückziehen. Denn ansonsten besteht die Gefahr, dass der Investorendialog zum Forum einer Strategiediskussion „am Vorstand vorbei“ wird. In unserer dualistischen Unternehmensverfassung undenkbar!

Aufsichtsratskommunikation ist ein gefährliches Feld. Es wird wohl trotz aller negativen Konsequenzen wachsen, denn nicht immer wird sich die Vernunft einer reinen Vorstandskommunikation erhalten lassen. Wenn man Fehlentwicklungen schon nicht stoppen kann, dann sind vorgenannte Leitlinien zumindest ein nützliches Hilfsmittel. 

Dieser Kommentar ist zuerst in der September-Ausgabe des prmagazin erschienen.

>>> Lesen Sie zum Thema Aufsichtsratskommunikation auch die Kommentare von
Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Er meint: Aufsichtsräte sollten in der Kommmunikation eine eher passive Rolle einnehmen.
- Michael Bürker, Professor für Marketing, Kommunikation & Marktforschung an der Hochschule Landshut. Seine Position: In welche Richtung die Entwicklung geht, scheint sich abzuzeichnen: Haltung ist gefragt. Regelungen stehen indes noch aus.

Die September-Ausgabe 2018 – darin unter anderem:

Der Visionen-Verkäufer: Wie Oliver Strohbach, Europa-PR-Chef von Byton, Sympathie und Vertrauen für den chinesischen Tesla-Angreifer schaffen will.

Standpunkt: Wie Sabia Schwarzer die künftige Rolle der Kommunikation sieht und was ein Spaziergang mit Allianz-Chef Oliver Bäte damit zu tun hat.

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