Detailinformationen

Autor

Lutz Golsch

Senior Managing Director FTI Consulting

verfasst am

27.12.2018

im Heft

12/2018

Schlagworte

Aufsichtsräte, Aufsichtsratskommunikation, Lutz Golsch, FTI Consulting

Das aktuelle Heft
Ausgabe 12/2018

Zum Inhalt

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Aufsichtsräte

Behutsame Öffnung


Sollten Aufsichtsräte mehr kommunizieren? Dürfen sie das überhaupt? Die Meinungen dazu gehen auseinander.


Lutz Golsch, Senior Managing Director bei FTI Consulting, kommentiert: Das Kommunikationsverhalten von Aufsichtsräten ändert sich. Jüngere Kontrolleure forcieren diesen Trend. Parallel steigen die Erwartungen externer Stakeholder. 


Über die zulässige und angemessene Kommunikation von Aufsichtsräten
wird heftig debattiert. Nach deutschem Rechtsrahmen ist ihr Handlungsraum weitgehend auf das Binnenverhältnis im Unternehmen beschränkt. Als Wächter über Aktionärs- und Stakeholder-Interessen wirken sie als interne Kontrolleure und Ratgeber der Vorstände.


Lutz Golsch: "Es bedarf einer klugen Kommunikation, die dem CEO nicht in die Quere kommt."


In der externen Kommunikation treten sie jenseits der Hauptversammlungen kaum aktiv in Erscheinung. Zu groß scheint das Risiko, die Grenzen der Corporate Governance zu überschreiten und die Kommunikations- und Strategiehoheit des Vorstands zu verletzen, und zu fraglich der Nutzen. 

Ganz so eindeutig ist das Bild jedoch nicht. Aufsichtsratsvorsitzende greifen in Unternehmenskrisen durchaus aktiv in die Kommunikation ein. So äußerten sich etwa Deutsche-Bank-Kontrolleur Paul Achleitner und VW-Aufseher Hans Dieter Pötsch in Interviews, um Krisen einzudämmen und um Vertrauen zu werben.

Rollenprofil und Kompetenz des Aufsichtsratsvorsitzenden lassen solche Aktivitäten offensichtlich zu, wenn es darum geht, die Reputation von Unternehmen und Organmitgliedern zu schützen. Dass zudem der eine oder andere Aufsichtsratschef mit eigenen Beratern hinter den Kulissen gezielt Meinung macht, ist kein Geheimnis. 

Zwei weitere Entwicklungen könnten dazu beitragen, dass sich das Kommunikationsverhalten von Aufsichtsratschefs graduell verändert. Nach und nach wird eine neue Generation von Führungskräften in die Gremien einziehen, die sich versiert in digitalen Kommunikationskanälen bewegt. Mit Jim Hagemann Snabe hat ein Vorreiter dieser Entwicklung den Vorsitz im Siemens-Aufsichtsrat übernommen.

Gleichzeitig steigen die Erwartungen externer Stakeholder an Kommunikation, öffentliche Präsenz und Haltung von Unternehmensvertretern. Aufsichtsratschefs werden sich dem auf Dauer nicht entziehen können. Und sie werden in diesem Umfeld einen zunehmend schweren Stand haben, wenn sie in Krisen in den Dialog treten.

Im Sinne einer strategisch geleiteten Kommunikation kann es daher sinnvoll sein, Rollenprofil und Persönlichkeit des Chefaufsehers auf zusätzliche Positionierungspotenziale hin zu überprüfen. Klar ist: An den Grundfesten der Corporate Governance darf nicht gerüttelt werden. Die Strategiehoheit liegt beim Vorstand und damit auch die Hoheit über die Strategiekommunikation.

Ein Aufsichtsratschef kann jedoch in Zeiten rapiden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels als Thought Leader und Impulsgeber dabei helfen, den Kontext für unternehmensrelevante Veränderungen öffentlich zu interpretieren. Er oder sie kann externen und internen Stakeholdern zusätzlich Orientierung geben, Veränderungen begleiten und zum Wandel ermuntern, ohne Grenzen zu überschreiten. 

Dies bedarf einer klugen, balancierten und sorgfältig abgestimmten Kommunikation, die dem CEO nicht in die Quere kommt, aber dennoch zusätzliches Reputationskapital aufbaut – mit einer Strategie, die behutsam vorgeht und zur Persönlichkeit des Aufsichtsratsvorsitzenden passt. Natürlich ist es nicht zwingend, sich in der digitalen Öffentlichkeit zu bewegen. Aber wenn es richtig gemacht wird, kann es eine Chance sein. Es wäre nicht unbedingt von Nachteil, wenn Jim Hagemann Snabe in den kommenden Jahren noch etwas Gesellschaft bekommt. 

Dieser Kommentar ist zuerst in der Dezember-Ausgabe 2018 des prmagazin erschienen.

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>>> Lesen Sie zum Thema Aufsichtsratskommunikation auch die Kommentare von:

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Er meint: Aufsichtsräte sollten in der Kommmunikation eine eher passive Rolle einnehmen.

Eckart Reinke, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts der Aufsichtsräte. Er kritisiert: Jetzt ist es schon so weit, dass nur noch über das „Wie“ nachgedacht wird, nicht mehr über die Sinnhaftigkeit der Aufsichtsratskommunikation.

Michael Bürker, Professor für Marketing, Kommunikation & Marktforschung an der Hochschule Landshut. Seine Position: In welche Richtung die Entwicklung geht, scheint sich abzuzeichnen: Haltung ist gefragt. Regelungen stehen indes noch aus.

Die prmagazin-Ausgabe 12/2018 - darin unter anderem:

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Dax ohne Rausch: Die Kommunikation von Wirecard bleibt trotz des Hypes um den Aufstieg in die erste Börsenliga auffällig zurückhaltend.

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