Detailinformationen

Autor

Marc Tüngler

Hauptgeschäftsführer Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

verfasst am

04.09.2018

im Heft

09/2018

Schlagworte

Aufsichtsräte, Aufsichtsratskommunikation, Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

Aufsichtsräte

Reden ist Silber, Zuhören ist Gold


Sollten Aufsichtsräte mehr kommunizieren? Dürfen sie das überhaupt? Die Meinungen dazu gehen auseinander.


Aufsichtsräte sollten in der Kommmunikation eine eher passive Rolle einnehmen, meint Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Sie könnten sonst die Büchse der Pandora öffnen.

Dem Bedürfnis der Investoren, auch mit dem Aufsichtsrat unmittelbar in einen Dialog einzutreten, und auf der anderen Seite der Wunsch vieler Aufsichtsräte, mit Investoren zu kommunizieren, hat die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex Rechnung getragen und dazu in 2017 eine Anregung in den Kodex aufgenommen.


Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.


Gemäß Kodex soll sich der Aufsichtsrat bereithalten, mit Investoren in einen Dialog einzutreten. Wichtig dabei ist die Feststellung, dass der Aufsichtsrat damit nicht aufgefordert wird, aktiv einen Dialog zu initiieren. Vielmehr sollen die Investoren entscheiden, ob sie mit dem Aufsichtsrat in Kontakt treten möchten. 

Von Anfang an war dabei von besonderer Sensibilität, wie der Aufsichtsrat mit Themen umgeht, die unstreitig im Zuständigkeitsbereich des Vorstands liegen. Und dabei geht es vor allem um die Strategie. Hier ist originär der Vorstand zuständig. Und auch wenn die Strategie mit dem Aufsichtsrat abgesprochen wird, so sollte tunlichst vermieden werden, dass der Aufsichtsrat anfängt, darüber mit Investoren zu diskutieren. Ansonsten würden wir unser gelebtes und etabliertes Two-Tier-System (noch mehr) aufweichen, ohne dass wir aber die regulatorische Grundlage dafür zuvor geschaffen hätten.

Insofern ist der Investorendialog des Aufsichtsrats sicherlich auch als Gratwanderung zu sehen, und es ist dem Aufsichtsratsvorsitzenden ausdrücklich zu empfehlen, eher in den Zuhörmodus zu schalten und selbst nicht zu viel zu kommunizieren. 

Ein „Zuhören“ würde auch dem ursprünglichen Geist des Investorendialogs gerecht werden, der dem Aufsichtsrat ein eigenes Bild davon verschaffen soll, was Investoren umtreibt und was die Anlegergemeinde in Bezug auf die Vorstandsbesetzung, die Vergütung und auch die Zusammensetzung des Aufsichtsrats denkt. Das alles – und das ist ausdrücklich zu unterstreichen – findet mangels gesetzlicher Grundlage seine Grenzen dort, wo der Aufsichtsrat nicht mehr ausschließlich zuständig ist.

Allerdings sind es genau die Themen, über die der Aufsichtsrat nicht sprechen kann, die die Investoren am meisten interessieren werden. Keine gute Ausgangsposition für einen befriedigenden Dialog. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Gleichberechtigung aller Aktionäre. So gelten die kapitalmarktrechtlichen Transparenzvorschriften selbstverständlich auch für den Aufsichtsrat. Die Gefahr, einzelnen Investoren ein „Mehr“ an Informationen zu geben, ist aber zugleich besonders ausgeprägt. Auch des halb ist es Aufsichtsräten anzuraten, eine eher passive Rolle in den Gesprächen einzunehmen.

Diese Herausforderung wird auch nicht dadurch kompensiert, dass einzelne Aufsichtsratsvorsitzende in den letzten Monaten durch Interviews in der Presse aufgefallen sind. Hier entsteht eine enorme Erwartungsspirale, die zukünftig dazu führen könnte, dass bereits das Ausbleiben von öffentlichen Statements des Aufsichtsratsvorsitzenden bedeutungsschwanger gewürdigt wird. 

Dieser besonderen Verantwortung müssen sich Aufsichtsratsvorsitzende bewusst sein. Dies gilt erst recht für ehemalige CEOs, die heute in der Position des Aufsichtsratsvorsitzenden sind und denen der kommunikative Teil ihres Jobs in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Die Rolle, die Aufgaben und damit auch die Kommunikation des Aufsichtsratsvorsitzenden misst sich nicht daran, wie die Vita des jeweiligen Amtsinhabers ausfällt. Das Amt steht im Vordergrund, und allein danach bemessen sich Rechte und Pflichten. Ist man sich dessen nicht bewusst, wird die Aufsichtsratskommunikation zur Büchse der Pandora, die man lieber nicht geöffnet hätte. 

Dieser Kommentar ist zuerst in der September-Ausgabe des prmagazin erschienen.

>>> Lesen Sie zum Thema Aufsichtsratskommunikation auch die Kommentare von
Eckart Reinke
, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts der Aufsichtsräte. Er kritisiert: Jetzt ist es schon so weit, dass nur noch über das „Wie“ nachgedacht wird, nicht mehr über die Sinnhaftigkeit der Aufsichtsratskommunikation.
Michael Bürker, Professor für Marketing, Kommunikation & Marktforschung an der Hochschule Landshut. Seine Position: In welche Richtung die Entwicklung geht, scheint sich abzuzeichnen: Haltung ist gefragt. Regelungen stehen indes noch aus.

Die September-Ausgabe 2018 – darin unter anderem:

Der Visionen-Verkäufer: Wie Oliver Strohbach, Europa-PR-Chef von Byton, Sympathie und Vertrauen für den chinesischen Tesla-Angreifer schaffen will.

Standpunkt: Wie Sabia Schwarzer die künftige Rolle der Kommunikation sieht und was ein Spaziergang mit Allianz-Chef Oliver Bäte damit zu tun hat.

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