Detailinformationen

Autor

Lucas van Praag

Kolumnist

im Heft

03/2016

Praags Ansichten

Niedere Instinkte

Die Brexit-Befürworter in Großbritannien haben sich von Lügen-Lieferanten hinters Licht führen lassen. Der Sieg des Populismus macht deutlich: Kritisch-dynamische Medien sind notwendiger denn je.

Lucas van Praag

Vor Kurzem habe ich an einer Roundtable-Diskussion teilgenommen, bei der es um die möglichen Auswirkungen eines Brexit auf das transatlantische Geschäft ging. Die Teilnehmer setzten sich aus Vertretern von Banken, Asset-Management-Firmen und Anwaltskanzleien zusammen. Dabei waren auch ein bekannter Volkswirt, ein Einzelhändler mit Geschäftsaktivitäten in Großbritannien, ein großer Immobilienentwickler sowie Geschäftsführer verschiedener Unternehmensberatungen.

Die Runde bestand vor allem aus Amerikanern, aber auch einigen Briten. Diese schienen ihre Bedeutung in der Welt reduziert zu sehen. Die Diskussion begann mit einer eloquenten Einführung eines Engländers, der einen Großteil seines Berufslebens auf beiden Seiten des Atlantiks verbracht hatte (damit meine ich nicht mich). Er erläuterte den Hintergrund der Entscheidung für ein Referendum und die anfängliche Laissez-faire-Haltung gegenüber dieser Entwicklung, die schon beim schottischen Referendum zu beobachten war.

Auch das damalige Referendum entwickelte sich zu einem Thriller, als die Wahrscheinlichkeit stieg, dass die Schotten tatsächlich mehrheitlich für die Unabhängigkeit stimmen könnten. Warum riskierte die Conservative Party nach dieser Erfahrung überhaupt eine Volksabstimmung über den Verbleib in der EU?

Die Erklärungen waren interessant, aber sie hatten für die anwesenden Amerikaner nur geringe Bedeutung. Die Fondsmanager stellten enthusiastisch fest, dass Investoren nun wieder die Schwellenländer den europäischen Staaten vorziehen würden. Das sei eine erfreuliche Entwicklung, da die Renditen dort höher sein würden. Der Einzelhändler merkte an, die Umsätze würden steigen, weil sich der niedrige Pfundkurs positiv auf die Kaufkraft der Touristen in England auswirken werde. Und der Immobilienentwickler, der gerade einen großen Bürokomplex in London baut, war zuversichtlich, dass die Nachfrage nach Büroraum auch nach einem Brexit hoch bleiben werde. Nur die Vertreter der Beratungsfirmen zeigten sich darüber besorgt, was das Votum der Briten für ihre Niederlassungen in Europa bedeuten könnte.

Die Banken, ermuntert durch die damalige britische Regierung, hatten vor der Abstimmung eine sehr klare Position zur Bedeutung einer EU-Mitgliedschaft für Großbritannien. Nach dem Votum ist von ihnen zu dem Thema fast nichts mehr zu hören. Anstelle der einstigen klaren Ansage kritisieren sie heute jene, die auf die negativen Folgen des Brexit hinweisen.

Die Macht des rhetorischen Populismus hat gewonnen. Die britischen Wähler haben sich von leeren Versprechungen verführen lassen, die auf Lügen basierten und an ihre niederen Instinkte appellierten. Aus kommunikativer Sicht kann man aus der Brexit-Abstimmung eine wichtige Erkenntnis ableiten: Der Großteil der Menschen lässt sich anscheinend mit zynisch manipulierten Fakten hinters Licht führen.

Die Lieferanten dieser Lügen sollten sich jedoch auf eine gewaltige Gegenbewegung vorbereiten. Noch nie war die Notwendigkeit für die vierte Macht im Staat, also für kritisch-dynamische Medien, so groß wie jetzt.

Kontakt zum Autor: praag(at)prmagazin.de

Lucas van Praag leitete mehr als ein Jahrzehnt die weltweite Kommunikation von Goldman Sachs in New York. Zuvor war er Partner von Brunswick in London. Heute ist der Gründer und Managing Partner von Fitzroy Communications, New York, strategischer Partner von CCounselors, Düsseldorf.

Die September-Ausgabe des prmagazins ist da. Hier geht es zum E-Paper.

Darin unter anderem:
● Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft: Nicole von Stockert vermittelt die bisweilen konkurrierenden Interessen der Brance.
● PR-Praxis: Leser fragen, unser Experten-Team hilft mit Tipps, Ideen, Beratung und Lösungswegen.

Möchten Sie das prmagazin testen? Bestellen Sie ein Probeabo.

Aktuelle Kommentare

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Adding an entry to the guestbook

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.