Detailinformationen

Autor

Lucas van Praag

Kolumnist

im Heft

08/2015

Praags Ansichten

Schöne neue (Medien-)Welt

Nachrichtenkonsumenten sind wählerisch geworden. Was nicht in ihrer Timeline auftaucht, ignorieren sie. Social Media sind die neuen Gatekeeper. Einige klassische Medien setzen nun auf das Facebook-Produkt „Instant Article“. Über dessen Erfolg entscheidet indes die Werbeindustrie.

Lucas van Praag

Die Art, wie Menschen Nachrichten konsumieren, hat sich verändert. Immer mehr von uns nutzen die Newsfeeds der sozialen Medien, um „up to date“ zu bleiben, statt selbst die verschiedenen Informationsquellen zu durchforsten. Die Gewinne klassischer Nachrichtenanbieter sinken mit abnehmenden Leserzahlen, und die Werbeindustrie verlagert ihre Aufmerksamkeit und Investitionen mehr und mehr zu den neuen Medien. Die alte Welt, die von Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen geprägt war, kämpft damit, sich neu zu erfinden. Das Washingtoner Pew Research Center schätzt laut einer Studie von Ende 2014, dass zwei Drittel der erwachsenen Amerikaner Facebook nutzen und dass von diesen wiederum 30 Prozent das soziale Netzwerk als Nachrichtenquelle dient. YouTube wird sogar von der Hälfte aller erwachsenen US-Bürger genutzt – und wiederum zehn Prozent dieser Nutzer beziehen ihre Nachrichten über den Kanal. 16 Prozent der erwachsenen US-Bürger sind auf Twitter aktiv, die Hälfte davon bekommt ihre Nachrichten über diese Plattform.

Und wie bedienen sich die Menschen für ihren Nachrichtenkonsum der sozialen Medien? Pew schätzt, dass die Hälfte aller Social-Media-Nutzer Nachrichten teilt und etwa die gleiche Anzahl auf Facebook und den anderen Kanälen über Nachrichten sowie Ereignisse diskutiert. Darüber hinaus nimmt die Zahl sogenannter Bürgerjournalisten zu, die Videos von Ereignissen posten, an denen sie selbst teilgenommen haben. Nachrichtenhungrige Nutzer sind wählerisch. Die Internetgeneration sucht sich genau aus, was sie interessiert, und bezieht ihre Informationen über diese Themen direkt. Alles andere wird ignoriert. Die sozialen Medien, allen voran Facebook, haben diesen Trend erkannt und arbeiten mit raffinierten Algorithmen, um den Nutzern auf Basis ihrer Gewohnheiten genau die richtigen News anzubieten.

Einige Nachrichtenlieferanten reagieren nun auf die Entwicklung. Seit diesem Sommer nutzt eine Reihe großer Medienunternehmen, wie NBC, die New York Times und in Deutschland Bild, das Facebook-Produkt „Instant Article“, das es Redaktionen erlaubt, eigene Artikel direkt auf Facebook zu posten, statt Links zu veröffentlichen, die umständlich auf die eigene Website zurückführen. Das Angebot befindet sich noch in der Versuchsphase, und der Erfolg wird davon abhängen, ob die Verleger Geld mit Werbung machen können, die im Umfeld ihrer Artikel gebucht wird. Einige Marktbeobachter sehen darin schon heute den Anfang vom Ende der traditionellen Nachrichtenanbieter. Andere sind davon überzeugt, dass es die Rettung bedeutet. Die Entwicklung zeigt jedenfalls einmal mehr: Für Medienunternehmen liegt der Schlüssel zum Erfolg heute nicht nur darin, Topinhalte zu liefern, sondern sie müssen diese Inhalte auch auf dem effektivsten Weg zum Nutzer bringen. Anders ausgedrückt: Zu verstehen, wie Leser ihre Nachrichten erhalten wollen und wie die Algorithmen der sozialen Medien funktionieren, kann ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein, wenn es darum geht, den eigenen Botschaften Gehör zu verschaffen.

Kontakt zum Autor: praag(at)prmagazin.de

Lucas van Praag leitete mehr als ein Jahrzehnt die weltweite Kommunikation von Goldman Sachs in New York. Zuvor war er Partner von Brunswick in London. Heute ist der Gründer und Managing Partner von Fitzroy Communications, New York, strategischer Partner von CCounselors, Düsseldorf.

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