Detailinformationen

Autor

Lucas van Praag

Kolumnist

im Heft

11/2015

Praags Ansichten

Spannender als Game of Thrones

Der Republikaner Donald Trump widerlegt im US-Wahlkampf die ungeschriebene Regel, dass sich Anti-Politiker selbst demontieren. Die Begeisterung der Wähler für „den Donald“ bringt die anderen Präsidentschaftskandidaten in Bedrängnis.

Lucas van Praag

US-Präsidentschaftswahlen sind vorhersehbar und ähneln einem großen Schauspiel. Republikaner und Demokraten werfen ihre Hüte in den Ring, und nur selten ist der Sieger eine Überraschung. Die Wähler werden umworben mit Reden, gestellten Fotos, TV-Debatten und einer täglichen Verabreichung von Sound Bites, deren Wirkung zuvor sorgfältig getestet wurde. Dieses Mal ist es anders.

Derzeit sind 15 republikanische Kandidaten im Rennen. Donald Trump, von der politischen Elite in der Vergangenheit entweder ignoriert oder mit Zurückhaltung behandelt, liegt in Führung. Jeb Bush, Bruder von Ex-Präsident George W. Bush, der als Favorit galt, schwimmt im Mittelfeld einer großen Gruppe von Hoffnungsträgern. Von den sechs Demokraten, die ihre Kandidatur erklärt haben, liegt Hillary Clinton vorn, sie muss sich aber mit Altlasten herumschlagen.

Trump ist ein „Anti-Politiker“. Ein schwieriger Typus für jeden Kommunikator. Anti-Politiker ignorieren Ratschläge und reden nicht selten unkontrolliert drauf los. Im aktuellen Wahlkampf allerdings ist die ungeschriebene Regel ins Gegenteil verkehrt: „Der Donald“, wie Trump genannt wird, äußerte sich abfällig über Mexikaner und Frauen – doch seiner Popularität tat das, wenn überhaupt, nur wenig Abbruch.

Die Begeisterung für Anti-Politiker beschränkt sich nicht auf die USA. Aufhorchen lassen etwa der erdrutschartige Sieg von Jeremy Corbin bei der Wahl zum britischen Vorsitzenden der Labour Party und auch die aus ganz anderen, aber nicht minder ernst zu nehmenden Gründen wachsende Sympathie für Marie Le Pen in Frankreich.

Es ist offensichtlich, dass die US-Wähler ihrer Politiker überdrüssig sind und einen Wechsel wollen. Kommunikationsexperten, deren Aufgabe es ist, Strategien zu entwickeln, Gefahren abzuwehren und die Position ihrer Kandidaten zu unterstützen, stehen vor einer immensen Herausforderung.

Anfangs ignorierten die Gegenkandidaten Trump einfach. Sie gingen davon aus, dass er wegen seiner extremen Ansichten schnell an Unterstützung verlieren werde. Doch das ist nicht passiert. Und so werden die Angriffe der Trump-Gegner gegen seine Person und seine Positionen immer aggressiver. Bei den Demokraten führen Clintons eigene Probleme dazu, dass die Öffentlichkeit sich auf ihre Person statt auf die Politik fokussiert. Das macht es für sie schwierig, mit Botschaften zu den Wählern durchzudringen.

Jede effektive Kommunikationsstrategie muss sorgfältig recherchiert sein, eingängige Botschaften senden und fehlerlos umgesetzt werden. Bislang hat es kein Kandidat geschafft, die Wähler mit seiner Rhetorik zu elektrisieren – mit Ausnahme von Donald Trump. Er scheint der ultimative „Ich sage, was ich denke“-Kandidat zu sein, dessen ungefilterte Äußerungen den Nerv der republikanischen Kernwählerschaft treffen. Diese Wahl könnte spannender werden als „Game of Thrones“.

Kontakt zum Autor: praag(at)prmagazin.de

Lucas van Praag leitete mehr als ein Jahrzehnt die weltweite Kommunikation von Goldman Sachs in New York. Zuvor war er Partner von Brunswick in London. Heute ist der Gründer und Managing Partner von Fitzroy Communications, New York, strategischer Partner von CCounselors, Düsseldorf.

Die November-Ausgabe des prmagazins ist da. Hier geht es zum E-Paper.

Darin unter anderem:
● „Zeitungen sind wichtig“: Dorothee Hutter über die Rolle klassischer Medien für die GIZ
● Der Nächste, bitte:
Beim Agenturverkauf stehen Gründer sich oft selbst im Weg

Möchten Sie das prmagazin testen? Bestellen Sie ein Probeabo.

Aktuelle Kommentare

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Adding an entry to the guestbook

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.