Kolumne: Der Netzwelterklärer

Und dann machen wir das mit den Fähnchen

Wir müssen auf Facebook. Denn die Konkurrenz ist auch da. Und Facebook soll ja der place to be sein. Und wir brauchen da viele Fans. Ganz viele. Der Chef hat gesagt, dass der Freund seiner Tochter gesagt hat, dass wir da sein müssen. Kuchen*?

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach

Während die einen fiebrig auf die Internetente aufsprangen, dass Facebook schon wieder Mitglieder oder Reichweite oder so was verlieren würde, sind die anderen noch dabei, fiebrig ihre Seiten zusammenzuschustern. Nur eins ist klar: Mit Facebook beschäftigen sich nahezu alle Kommunikationsfachleute, ob in Agenturen oder Unternehmen.

Und damit beginnt das eigentliche Problem. Denn die Aussage „Wir müssen auf Facebook“ ist erst einmal Quatsch. Ja, es gibt selbst ernannte „Berater“, die das unhinterfragt machen (und ja, selbstverständlich gefällt es nicht jedem, wenn wir das hinterfragen). Aber im Grunde ist „Wir müssen auf Facebook“ genau so schlau wie zu sagen „Wir müssen eine Pressekonferenz machen“ oder „wir müssen das per ots** rausschicken“. Nur vielleicht die moderne Variante davon. Was alle drei „Strategien“ gemein haben: Sie gehen von einem Tool (PK, ots, Facebook) aus, nicht von einem Ziel oder gar einer Idee, was ich mit meiner Kommunikation erreichen will.

Wir haben es also nicht einfach nur mit Gedankenlosigkeit zu tun. Sondern mit einem echten Problem. Und so, wie es in der wilden Zeit (New Economy, u know) auf einmal jede Menge PR-Butzen gab, deren Geschäftsmodell das gedankenlose Rausballern von ots-Meldungen war (die heute überwiegend wieder verschwunden sind – zu Recht!), so gibt es jetzt die Facebook-Butzen, die jedem Kunden das mit den Fähnchen verkaufen.

Schön ist: Ich kann sie als potentieller Kunde gut erkennen. Beispielsweise weil sie – Achtung, Tech-Sprech – gegen die einfachsten Regeln von Facebook verstoßen: keine Sicherheitsserver für Applikationen verwenden (also alle aussperren, die Facebook über eine sichere Online-Verbindung benutzen). Oder Gewinnspiele auf der Pinnwand machen („Wir verlosen unter allen Kommentaren“ etc). Oder die Gewinnspielhuren auf die Seite holen, beispielsweise mit einer iPad-Verlosung oder so.

Facebook ist toll. Zumindest für viele Unternehmen oder Marken. Aber wenn ohnehin nur rund 30 Prozent aller Facebook-Nutzer bereit sind, mit ihnen auf Facebook zu „reden“ (so etwa die ARD/ZDF-Onlinestudie) oder „Fan“ zu werden, dann muss ich mir schon überlegen, warum ausgerechnet ich derjenige sein soll, für den sie eine Ausnahme machen. Mal abgesehen davon, dass, wäre es anders, auch die tollen fünf Millionen Fans einer Weltmarke angesichts von mehr als 700 Millionen Facebook-Mitgliedern eher nicht so doll wären.

Müssen wir auf Facebook? Das kann ich nicht allgemein beantworten. Und als Faustregel gilt wie immer: Wer noch nie einem Kunden von Facebook abgeraten hat, ist kein seriöser Dienstleister. Sondern macht das mit den Fähnchen.

Kuchen?

* Ich esse übrigens sehr gerne Kuchen.

** Disclosure (so macht man das in Social Media): Ich habe damals bei ots-Betreiber news aktuell gearbeitet, war einige Zeit sogar Produktmanager von ots und finde den Service prima.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach (41) berät seit 2004 Unternehmen und Marken auf ihrem Weg in die Social Media. Er ist einer der führenden Strategieberater mit dem Schwerpunkt Social Media, für die Internetworld Business einer der „5 People to Watch in PR“ 2011. Achtung, für die er als Management Supervisor Digitale Strategie tätig ist, gehört für die Absatzwirtschaft zu den Top 5 Social Media Agenturen. 2006-2009 war er Head of Social Media Europe bei Edelman.

Blog: http://haltungsturnen.de
Lifestream: http://luenenbuerger.de
Twitter: http://twitter.com/luebue

Aktuelle Kommentare

12.07.2011 10:06

Christoph Krenz

Klasse Artikel, der es tatsächlich auf den Punkt bringt, was User von FB tierisch auf den Senkel geht. Ich möchte im übrigen aber sagen, nur um den recht negativen Tenor abzumildern, dass es wirklich klasse Auftritte bei FB von Firmen gibt. Aber diese stehen und fallen sehr wahrscheinlich mit den Leuten, die diese Auftritte betreuen!

12.07.2011 11:52

Richard Joerges

Und damit sind wir wieder bei der Grundfrage jeglicher PR und Unternehmenskommunikation: Habe ich etwas interessantes zu erzählen oder nicht? Nur Unternehmen, die diese Frage eindeutig mit ja beantworten können dürfen überhaupt darüber nachdenken auf Facebook aktiv zu werden.

Und dann: Auf Facebook geht es vor allem um Dialog! Facebook ist kein Platz für kurzfristige Kampagnen! Es geht vielmehr um nachhaltige Kommunikation und Information, um eine Unternehmenspräsenz im sozialen Raum.

Unternehmen, die auf Facebook aktiv werden wollen, müssen letztendlich ihren Followern/Freunden vor allem eines bieten: Nutzwert! Dann klappt es auch mit der Akzeptanz.

Ach ja, und dann wäre da noch das Thema Google und SEO: http://beckerjoerges.com/2011/06/15/studie-zeigt-google-liebt-facebook/

12.07.2011 17:13

Jochen Lillich

Beispiele und Hinweise, wie man's richtig macht, gibt u.a. Gary "V" Vaynerchuck in "The Thank You Economy".

 
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