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Kolumne: Der Netzwelterklärer

Wo bleibt Eure Kinderstube?

Manchmal reden diejenigen, denen „das Internet“ irgendwie Angst macht, davon, dass es kein rechtsfreier Raum sein, werden oder bleiben dürfe (je nach Vorliebe). So weit klar. Ist es ja auch nicht, denn – wer hätte das gedacht – da gelten auch die Gesetze und Regeln, die sonst so gelten. Nur an einem hapert es oft bedenklich: der Kinderstube. Gerade bei so genannten Kommunikationsprofis.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach

Gutes Benehmen ist ja nicht unbedingt das Erste, was man abfragen würde, wenn es um Beratung geht. Und sicher auch nicht das Wichtigste. Aber in den vergangenen Monaten bin ich immer wieder sehr irritiert gewesen. In einer Form, die nicht mehr nur mit Bildungssnobismus oder dem Spruch meiner Großmutter von der „guten Kinderstube“ zu tun hat. Sondern mit elementaren Regeln professioneller Kommunikation.

Was mir auffällt: Wann immer eine Marke oder ein Unternehmen mit einer Aktion beispielsweise auf Facebook loslegt, die von der Norm abweicht; oder wenn ein Unternehmen in Social Media unter Beschuss gerät; oder wenn es leicht unbeholfen oder ungeschickt agiert – also immer in diesen Fällen sind so genannte Berater oder Experten die Ersten, die eine selbstreferentielle Entrüstungsschleife binden.

In sich ist das nicht einmal unlogisch und irrational. Denn viele dieser Berater sind ja tatsächlich der Meinung, dass (a) es nicht gut ist, wie es da gerade läuft, und dass (b) sie es besser machen würden, hätte man sie gefragt. Der Subtext der Erregung ist dann: „Hättet ihr mich gefragt, wäre das hier nicht passiert.“

Was sie dabei leider vergessen, ist aber, dass eigentlich gar nichts passiert war, eben genau BIS sie auf der Bildfläche erschienen und einen Resonanzraum bildeten, in dem andere Berater mit ihrer Kritik ein Echo fanden. Von wenigen Ausnahmen (die es immer gibt und die die Regel bestätigen) abgesehen, sind eigentlich all die Social-Media-„Skandale“, die es in unserer, also der Kommunikationsszene zu einiger Prominenz gebracht haben, solche Stürme im Beraterwasserglas.

Ich empfinde das Verhalten der Kollegen, die so handeln, als extrem unfair. Es ist, denke ich, absolut okay, die Arbeit von Kollegen und Wettbewerbern zu analysieren und zu kritisieren. Klar. Aber wo muss meine Kinderstube gestanden haben, wenn ich meine Kritik direkt auf der Facebook-Seite, in den Kommentarspalten oder unter dem You-Tube-Video des Unternehmens äußere? Das gehört sich einfach nicht. Punkt.

In alle Guidelines schreiben sie ihren Kunden rein: „Wir reden nicht schlecht über unsere Wettbewerber“. Nur selbst halten sie sich nicht dran. Der Gipfel ist erreicht, wenn Berater und Experten erst einen „Skandal“ hochschreiben – um sich dann bei eben den skandalisierten Unternehmen als Retter anzupreisen. Auch das habe ich im vergangenen Jahr mehr als einmal erlebt.

Und spätestens an dieser Stelle wird es grotesk. Denn so ein Verhalten offenbart nicht nur eine schlechte Kinderstube – sondern hält den (potentiellen) Kunden auch noch für dumm. Oder denkt irgendwer, der würde das nicht merken?

 

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach (41) berät seit 2004 Unternehmen und Marken auf ihrem Weg in die sozialen Medien. Er ist einer der führenden Strategieberater mit dem Schwerpunkt Social Media, für die Internetworld Business einer der „5 People to Watch in PR“ 2011. Achtung, für die er als Management Supervisor Digitale Strategie tätig ist, gehört für die Absatzwirtschaft zu den Top 5 Agenturen", die Social Media anbieten. Von 2006 bis 2009 war er Head of Social Media Europe bei Edelman.

Blog: http://haltungsturnen.de
Lifestream: http://luenenbuerger.de
Twitter: http://twitter.com/luebue

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